„Religion, Kulte und Rituale im öffentlichen und privaten Raum der griechisch-römischen Antike“ (Prof. Dr. Isolde Stark), Samstag, 18.15 – 19.00 Uhr, Parkettsaal

In der griechisch-römischen Antike sahen sich die politischen Gemeinwesen (poleis bzw. Rom) unter den besonderen Schutz der Götter gestellt, der in den jeweiligen Staatskulten seinen sinnfälligen Ausdruck fand. Bürgerverband, das Land und die Götter des Bürgerverbandes bildeten gewissermaßen eine Einheit. Die ordentliche und regelhafte Pflege der Beziehung zu den Göttern gehörten somit – modern gesprochen – zur ‚Verfassungsgrundlage’. Zum Wohle des Gemeinwesens konnten – gewissermaßen als Verstärkung – auch fremde Götter unter die traditionellen Staatsgötter aufgenommen werden, vor allem in Kriegs-, Krisen- und Notzeiten. In der rituellen Praxis unterschieden sich die Opferrituale im privaten Raum im wesentlichen nicht von denen im öffentlichen Raum. Eine Spezialausbildung zum Priester war somit nicht erforderlich, so daß auch die öffentlichen Priesterämter weitgehend durch Wahlen besetzt wurden.

Konflikte mit dem Bürgerverband – hier wird sich der Vortrag auf Rom bzw. das Römische Reich fokussieren – konnten durch neue, unerlaubte Kulte und/oder Rituale oder auch durch die unerlaubte Einführung neuer Götter entstehen. Dann reagierten der Senat, zuständige Magistrate bzw. die Kaiser mit einer breiten Palette von Maßnahmen: von der Aufforderung zur Unterlassung, über das rechtskräftige Verbot bis hin zu polizeilichen Maßnamen der Ausweisung und zu strafrechtlichen Prozessen, die mit Todesurteilen enden konnten.

Der Vortrag wird Beispiele für die meisten Maßnahmen nur kurz vorstellen, um Beispiele der Ausweisung bzw. der Todesstrafe ausführlicher darzustellen (Bacchanalienprozesse 186 v.Chr. sowie die Prozesse gegen Christen). Hier gibt es keine sakralrechtlichen Ahndungen, sondern strafrechtliche. Diese würden in einem modernen Vergleich dem Strafgesetzbuch, Teil: Hochverrat und Gefährdung des demokratischen Rechtsstaates mit dem § 81 (Hochverrat gegen den Bund) bzw. Teil: Straftaten gegen die öffentliche Ordnung mit § 129a (Bildung terroristischer Vereinigungen) entsprechen.

Prof. Dr. Isolde Stark

Prof. Dr. Isolde Stark ist Althistorikerin mit den Schwerpunkten griechische Mentalitätsgeschichte sowie antiker Roman und römische Religionsgeschichte. Außerdem forschte sie zur DDR-Geschichte und zur Wissenschaftsgeschichte

Publikationen (Auswahl)

  • Die hämische Muse. Spott als soziale und mentale Kontrolle in der griechischen Komödie, München 2004 (= Zetemata 121)
  • Kybele als keltische Göttin: Zur Aufnahme der Kybele von Pessinus als Mater Magna unter die römischen Staatsgötter 205/204 v.Chr, in: Klio 89 (2007) 1, 67-117
  • Die mißlungenen Berufungen von Richard Laqueur nach Halle und Berlin zwischen 1946 und 1948, in: Studia hellenistica et historiographica. Festschrift für Andreas Mehl, hrsg. von Th. Brüggemann, B. Meißner, Ch. Mileta, A. Pabst u. O. Schmitt Gutenberg 2010, 413-435
  • Die wirtschafts- und sozialpolitischen Vorstellungen und Ideen der Bürgerbewegungen und neuen Parteien in der DDR vom Sommer 1989 bis zum 3. Oktober 1990. Expertise, in: Materialien der Enquête-Kommission „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit“ (13. Wahlperiode des Deutschen Bundestages), hrsg. vom Deutschen Bundestag, Frankfurt a.M. 1999, Bd. III. 3, 2630-2715

Prof Dr. Isolde Stark an der Universität Halle